Spoiler

Ach ja, die lieben Spoiler. Kaum etwas anderes scheint eine Community mehr in Aufruhr zu versetzten, als das Erzählen einer Geschichte. Gut, dass ist jetzt natürlich zugespitzt, aber wenn man sich im Internet bewegt, begegnet man Spoilern unausweichlich, sowie den oft sehr leidenschaftlichen Reaktionen darauf. Oft wird versucht Spoiler zu vermeiden, etwa in dem in der Besprechung einer aktuellen TV-Episode darauf verzichtet wird, etwas über die Handlung zu verraten, oder man wird bewusst gespoilert, indem jemand versucht, Leuten den Spaß an einer Sache zu verderben.

Dabei kann ich viele Seiten der Debatten um Spoiler verstehen. Natürlich will ein Leser nicht das Ende der Handlung erfahren, bevor er überhaupt das Buch aufgeschlagen hat; aber wird etwas nur interessant, wenn man nichts darüber weiß? Das Ende ist genauso wichtig wie der Weg dahin und Wendungen, der Wendung willen sind genauso unsinnig, wie Überraschhungen aus dem Nichts. Es geht nichts verloren, wenn man darüber etwas erzählt. Doch Überraschung und Unerwartetes wird oft mit guten Geschichten gleichgesetzt und hier liegt oft der Hund begraben.

Ich habe das Gefühl, dass bei der Diskussion um mediale Inhalte zu oft Rücksicht auf jene Empfindlichkeiten genommen wird und viele interessante Aspekte unter dem aus Angst vor Spoilern nicht zur Sprache kommen. Ableiten lässt sich das in meinen Augen aus einer diffusen Meinungs- und Testkultur des Internets, die oft gleichzeitig Kaufberatung, Konsumempfehlung und Diskussionsleitfaden darstellen sollen, bevor aber auch nur ein ernsthafter Diskurs stattfinden kann.

Da gibt es Tests, die in ihrem Text lediglich den Klappentext zitieren und Videoessays die bewussten Szenen nicht zeigen, über die sie gerade sprechen. Die Gründe dafür können vielseitig sein; klar will ein Tester nicht das gesamte Spiel vorwegnehmen, damit würde sich der Kauf des Spiels in manchen Fällen erübrigen, aber wenn Story ein wichtiger Fokus ist, kann man sie nicht in zwei Sätzen aus dem Werbematerial abfertigen. Dasselbe betrifft das unablässige markieren von Spoilern, die einen Text so verschachteln können, oder ein Video einfach mal um die Hälfte verkürzen, sodass man sich fragt, was das Ganze noch bringen soll, wenn es ohne Spoiler nicht mal Sinn zu machen scheint. Viele rufen nach jenen Markern, doch wer schon einmal einen Absatz übersprungen hat, wird sich dabei ertappen, dass er ihn am Ende doch noch liest, schließlich baut der Text ja darauf auf.

Daran knüpft auch eine Diskussionskultur an, die oft um Punkte diskutieren will, die sie noch gar nicht kennt. Da werden Szenen besprochen, die nicht im Kontext stehen, Andeutungen gemacht, die sich um irrelevante Details drehen und oft mit einer Meinungsintention dahinter. Man muss erst den Gesamtkontext eines Werkes herstellen, bevor man auf Einzelheiten eingeht!

Klar hängt für viele Publisher auch eine wirtschaftliche Komponente an der Vermeidung von Spoilern. Ein wichtiger Punkt, der sich durch viele Entscheidungen der Medienbranchen zieht. Aber ein Konsument, der alles über die Story weiß, kauft womöglich nicht mehr. Diese, ob gewollt oder nicht, Rücksichtnahme vor dem Konsumverhalten liegt aber in einem Trugschluss begründet. Wenn jemand alles über die Story erfahren will, kann er das ohne Probleme tun, Sekunden nach Release sind meist alle diese Informationen verfügbar, das machen aber wohl nur die wenigsten. Ich denke, dass ein interessierter Käufer wenig davon hat, wenn er aufgrund vager Storyhäppchen in einem Test, die kein klares Bild vermitteln, eine womöglich schlechte Geschichte serviert bekommt. Ohne Kontext fällt eine Bewertung für den Leser aber schwer.

Wenn das ausführliche Besprechen einer Story einen Käufer vor einer Fehlentscheidung bewahrt, hat der Test in meinen Augen alles richtig gemacht. Und es gibt schlechte Geschichten in Spielen, der größte Teil davon sogar, damit soll ihnen aber nicht ein Unterhaltungswert abgesprochen werden, dieser ergibt sich erst in der Vereinigung aus Gameplay, Präsentation und Story. Wenn aber einer der Aspekte scheitert, reißt er meist alles mit sich, bzw. müssen die anderen Aspekte umso stärker sein. Genauso kann man Story aber auch nicht ausblenden, denn nur mit ihr fügen sich moderne Spiele oft erst zu einem Ganzen. Wenn Story in Tests nur die zweite Geige spielt, gibt es für viele Entwickler kaum Anreize mehr darin zu investieren. Nur wenn man rigoros schlechte Geschichten auch abstraft, kann sich eine Kultur des Geschichtenerzählens etablieren, die endlich Anschluss an die alten Medien finden kann. Damit ist nicht gesagt, dass für mich Spielegeschichten hohe Literatur sein sollen, aber ein gewisses Maß an Qualität kann man bei den immer höheren Preisen erwarten. Für all das muss sie endlich den Platz bekommen, den sie verdient. Story darf nicht mehr unter dem Deckmantel des Spoilers verborgen bleiben.

Das hier ist als Appell zu verstehen, es mit Spoilern nicht so ernst zu nehmen. Am besten nichts lesen, wenn man über etwas nichts wissen will, aber nicht erwarten, dass jemand Rücksicht vor Spoilern nimmt, wenn man etwas besprechen will.

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