Endstation Stadia

„Ich habs ja gesagt!“ möchte man rufen, wann man die aktuellen Berichte zur Gaming Sparte von Amazon und Google liest. Google schließt seine Entwicklerstudios, die eigens für Exklusive Stadia Spiele aufgestellt wurden und Amazon Game Studios kämpfen intern mit so großen Problemen, dass auch nach Jahren der Entwicklung kein Spiel große Erfolgsaussichten hat. Kritische Geister fühlen sich in ihrer Meinung bestätigt.

Für mich ist diese Entwicklung ebenfalls nicht weiter verwunderlich, wirkten die Vorstöße der beiden Tech Giganten schon bei ihrer Ankündigung Reaktionär und stießen auf wenig Anklang bei Spielern. Stadia sorgte mit seinem Frontalangriff auf etablierte Konsolen- und Platformnutzung für Kopfschütteln bei der Kernspielerschaft und angesichts einer Vielzahl an vorzeitig eingestellten oder stiefmütterlich behandelten Projekten von Google wurde der Teufel von Vielen damals schon an die Wand gemalt. Auch Amazon musste sich eingestehen, dass ihre Spiele scheinbar nicht gut genug waren, indem sie „Crucible“ im vergangenen Jahr schon nach kurzer Zeit wieder vom Markt nahmen und kurz darauf ganz einstellten. Die Vorzeichen für das MMO New World stehen dabei ähnlich schlecht, musste es schon bei seiner ersten Vorstellung massiv Kritik für seine unsensible Darstellung kolonialer Praktiken einstecken. Überhaupt wirkt ein völlig neues MMO, dass sich gegen lange bestehende Marken wie Warcraft und Final Fantasy behaupten muss, nicht wie die erfolgsversprechendste Idee. Dass die meisten der angeheuerten und viel renommierten Entwicklerkoryphäen mittlerweile wieder abgesprungen sind, ist ein ähnlich schlechtes Zeichen.

The next big thing

Doch woran kann es liegen, dass diese beiden Riesen, mit ihren unerschöpflichen Ressourcen, es nicht schaffen, auch nur ein kompetentes Spiel zu veröffentlichen? Es gibt wohl viele Gründe, auch interne, die Außenstehenden nicht zugänglich sind, aber was man aus dem Bekannten ableiten kann ist ein, in meinen Augen, völliges Missverstehen des Spielemarktes. Wie man aus dem Bericht über Amazon Game Studios herauslesen kann, ging es dem Online-Giganten weniger darum gute Spiele zu produzieren, sondern Spiele eher als Einstieg in ihre Ökosysteme zu verkaufen. Da wundert es wenig, dass Amazons erste Versuche reine Online-Spiele sein sollen, bzw. sein sollten.

Im ersten Moment macht das vielleicht auch Sinn, aber widerspricht der Realität: Spieler nutzen ein Ökosystem wegen den Spielen und nicht das Spiel wegen dem Ökosystem. Steam konnte sich nur behaupten, weil damals jeder Half Life 2 spielen wollte, Origins und Uplay werden genutzt, weil man muss, nicht weil man will und Epic Games lockt mit Fortnite, verschenkt Spiele und investiert viel in Exklusivität anderer Entwickler.

Spiele stehen immer an erster Stelle des Erfolgs. Hinter den erfolgreichsten Spielen, Serien und Marken stecken keine Metriken, keine überladene Business Strategie, sondern passionierte Entwickler, die nicht Trends nachlaufen, sondern schaffen. Dazu ist eine Menge Erfahrung nötig und ein tiefes Verständnis darüber, was Spiele wirklich gut macht. Zu sagen „das wird das nächste große Ding!“ war meines Wissens nach äußerst selten mit Erfolg gekrönt.

Hier wird auch der fundamentale Unterschied zwischen Tech und Gaming deutlich. Diese Industrie ist einfach nicht mit dem Silicon Valley Motto des „next big thing“ kompatibel, das mit Risikokapital zugeschmissene Ideen versucht Geschäftsfähig zu machen. Die Start Up Kultur, aus der eben Amazon und Google erwachsen sind, ist wenig mit der Arbeit der Spieleindustrie vergleichbar, nur weil beide mit dem Computer groß wurden. Vom kleinen Eine-Person Indie Entwickler bis zum größten Studio sind sie schon von ihrem Grundgedanken eher mit der Kunst verwandt, als mit Technologie und auch wenn sich Tech-Firmen gerne mit Künstlern brüsten, viel Aufmerksamkeit auf ihr Auftreten legen, sind ihre Produkte alles andere als von Kreativität geprägt. Immer schon geht es darum, etwas zu verkaufen, bei Google war und ist es Werbung und bei Amazon Bücher, und nicht um kreative Eigenleistungen. Es geht um Produkte, nicht um Werke.

Business ist Business

Natürlich wäre es vermessen zu sagen, bei Spielen geht es rein um die künstlerischen Aspekte. Auch Studios wollen Geld verdienen, Entwickler wollen von ihrer Arbeit leben können und Investoren wollen etwas für ihren Einsatz sehen. Die Business-Realität kann und darf nicht ausgeblendet werden, aber der Grundgedanke ist ein völlig anderer. Für viele Entwickler, besonders die Einzelpersonen, geht es gefühlt nicht darum, die meisten Einheiten zu verkaufen oder die Spieler zu treuen Kunden des Publishers zu machen, sondern um das beste Spiel und um in Spielern dieselbe Leidenschaft zu wecken. Der Business Teil kommt für viele erst danach. Diese Leidenschaft ist sowohl größter Freund als auch Feind der Industrie, lässt sich sowas leider leicht durch unschöne Geschäftspraktiken ausnutzen.

Die Kritik an Geschäftspraktiken trifft dabei besonders in letzter Zeit die Spiele, die als „Game as a Service“ betitelt sind, also Spiele à la Destiny, Call of Duty Warzone, oder Apex Legends, die durch regelmäße Inhaltsupdates über einen längeren Lebenszyklus verfügen. Die hier eingesetzten Lootboxen, Seasonpasses oder Skinpakete sorgten schon für viele Aufschreie und haben sogar schon politische Konsequenzen nach sich gezogen. Aber unabhängig davon, ob die Kritik gerechtfertigt ist, handelt es sich dennoch um Spiele, die offenbar so gut sind, dass sie eine große Community um sich sammeln konnten. Man kann sagen der Kern, also das Spiel selbst, ist als Werk gelungen, allerdings als Produkt nicht immer das beliebteste.

Die Tech-Giganten können aber scheinbar aus der Gleichung, immer zuerst nach dem Produkt zu suchen, nicht ausbrechen, statt aus den Werken im Nachhinein ein Produkt zu machen.  Dabei hat gerade Sony in der letzten Konsolengeneration gezeigt, wie wichtig Exklusivspiele für Konsolenverkäufe sind und dadurch vermutlich auch Microsoft dazu bewegt, sich einmal quer durch die bereits bestehende Studiolandschaft zu kaufen, um das eigene Exklusivportfolio aufzubessern. Sowohl Amazons als auch Googles Versuche wirken Hingegen weit weniger enthusiastisch und mehr als heiße Luft scheint nicht übrig zu bleiben.

Keiner will ein schlechtes Spiel machen, weder die Entwickler bei Google noch bei Amazon, aber wenn sich Sichtweise der Internetriesen nicht ändert, dass der Spielemarkt kein reiner Produktmarkt ist, dann wird das „next big thing“ alles, nur kein Spiel von Amazon oder Google.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s