Ein großes E3 Resümee

Aufstieg und Fall der einst wichtigsten Spielemesse

Für den Spieleenthusiasten gibt es sicher keine aufregendere Woche als die E3. Zumindest konnte man das bisher meinen.

Es fühlt sich schon an wie ein kleines Weihnachten, wenn man den Pressekonferenzen der Entwickler entgegenfiebert, in der Hoffnung, die ersten Blicke auf neue Spiele oder die langerwartete Fortsetzung zu erhaschen oder vielleicht sogar endlich Infos zu lange vorher Angekündigtem zu erhalten.

Die auf Hochglanz polierten Trailer, die dezent peinlichen aber irgendwie doch sympathischen Zwischenspieler, oder Moderatoren, die irgendwo zwischen Hype-Maschine und existentiellem Selbstzweifel zu pendeln scheinen; nur wenig fasst die PR-Maschinerie mit ihren Wundern und Versprechen so gut ein, wie diese Woche im Juni im sonnigen Los Angeles – zumindest bis heute.

Nach dem sie ja im letzten Jahr ausfallen musste und sich die veranstaltende ESA dieses Jahr für eine rein digitale Veranstaltung entschied, waren die Erwartungen natürlich recht hoch, auch und gerade wegen der Pandemie, die ja für einige Verschiebungen und eine gewisse Dürre im Spielesegment gesorgt hat. Neue Spiele, neues Leben, so könnte man die Grundstimmung vor der Veranstaltung in etwa zusammenfassen. So groß die Vorfreude dann auch gewesen sein dürfte, so groß war dann auch in etwa die Ernüchterung, als es darum ging, die Pläne der Spieleindustrie für das nächste Jahr zu entwerfen – und die E3 in Rechtfertigungsnot bringt.

Die Anfänge

Doch um zu verstehen, warum die E3 heute vielleicht nicht mehr der Eckpfeiler der Videospielindustrie ist, muss man etwas in ihrer Vergangenheit wühlen. Entstanden ist Electronic Entertainment Expo im Jahr 1995, nachdem sich 1994 Publisher, also die Herausgeber der Spiele, in einem Industrieverband organisierten.

Der Bedarf entstand damals, weil es Druck von Seiten der US-Regierung gab, Videospiele eventuell einer strengeren Kontrolle zu unterziehen, da es heftige Reaktionen auf die Gewaltdarstellung z.B. in Mortal Kombat und Night Trap gab. Um dieser Kontrolle zu entgehen, gründete man die Interactive Digital Software Assosciation, heute Entertainment Software Association (ESA), und einigte sich auf das als Selbstregulierung gedachte System des Entertainment Software Rating Board (ESRB), das ähnlich der deutschen USK, oder des europäischen PEGI-Systems, Spiele für Alterskategorien klassifizieren soll. Durch diesen Industriestandart sollte der US-Kongress beschwichtig und die bundesbehördliche Aufsicht verhindert werden, was letztlich auch gelang. Im selben Zug der Selbstorganisation entwickelte die ESA auch die erste E3, um sich von der Consumer Electronic Show (CES) zu differenzieren. Die E3 entstand damals also in einem sehr emanzipatorischen Moment der Videospielindustrie, der es jetzt erstmals möglich war, selber, als eigene Industrie, in Erscheinung zu treten und die Zeit der Geringschätzung als Spielzeug oder Gadget schien vorbei.

Wie eine E3 Abläuft

Am Anfang einer E3 stehen in der Regel die Pressekonferenzen. Für Fans, die nicht vor Ort sein können, stellen sie die wichtigsten Ereignisse der Messe dar, da hier alle essentiellen Ankündigungen gemacht werden. Mit oftmals aufwändig inszenierten Bühnenshows versuchen hier die Publisher ihre Konkurrenz zu übertrumpfen und auf sich aufmerksam zu machen. Auch Sony spielte immer in der oberen Liga mit. Schon viele Jahre werden sie auch als Livestream übertragen und erreichen regelmäßig mehrere Hunderttausend bis weit über eine Million Zuseher. Nach den Pressekonferenzen geht es in die reguläre Messe über, wo Journalisten und Fachvertreter die Möglichkeit haben mit den Entwicklern und Publishern zu sprechen und die neuesten Spiele auszuprobieren. Viele Webseiten und Online-Magazine bieten ein umfassendes Begleitprogramm und Berichterstattung zur E3 an oder produzieren sogar eigene Shows, die offiziell zur Messe gehören.

So konnte sich die E3 langsam aber stetig zu eben jenem Pflichtevent für Fachpresse und Fans entwickeln, welches man unbedingt im Terminkalender haben musste.

Die schweren Jahre

Viele Jahre hatte man auch wachsenden Erfolg. Mehr Besucher, mehr Aussteller, mehr Relevanz. Doch bereits zum knapp zehn Jährigem Bestehen der E3 gab es die erste Zäsur für die Messe, als sich die Veranstalter gezwungen sah, den Publikumsverkehr massiv einzuschränken.

2007 war die Veranstaltung erstmals nur noch ausgewählten Vertretern des Handels und der Presse zugänglich. Die Aussteller sahen diese als ihr Zielpublikum an, aber in den vorrangegangenen Jahren besuchten auch viele als fachfremd Angesehene die Messe und die Aussteller mussten massiv Geld in die Stände investieren, wozu sie allerdings nicht länger bereit waren. Einige der größten Publisher hatten mit ihrem Ausstieg gedroht.

Um das Ausscheiden weiterer Aussteller zu verhindern verlegte die ESA die Veranstaltung in Hotelzimmer und Konferenzräume, benannte sie in E3 Media & Business Summit um und lies nur 5000 Besucher aus Medien und Handel hinter die verschlossenen Türen. Im Nachhinein ist es wenig überraschend, dass diese Entscheidung auf wenig Gegenliebe bei Fans und Industrie traf. Der mediale Effekt blieb aus und die Veranstaltung drohte schnell in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.

Auch wenn es damals schon die heute bekannten Konferenzen gab, war der Zauber der E3 irgendwie auf einen Schlag dahin und das in einem Jahr, in dem es Releasetechnisch sehr heiß herging: BioShock, Assassins Creed, The Orange Box, Call of Duty 4: Modern Warfare, Mass Effect, Uncharted 1, Crysis, Halo 3 um nur die einige der Highlights zu nennen. Titel, die ganze Konsolengenerationen prägten, Studios zu Weltruhm verhalfen oder bis heute ungebrochen nachklingen. 2007 war sicher eines der prägendsten Jahre der Spieleindustrie und doch war eine E3 daran nicht beteiligt. Ihre Relevanz schien angesichts der bahnbrechenden Erfolge der Publisher nicht mehr gegeben und dennoch entschied man sich 2008 ihn ähnlicher Manier weiter zu machen – der Erfolg war ähnlich bescheiden.

2009 fand allerdings ein Sinneswandel bei der ESA statt, nachdem es massive Kritik von allen Seiten gab. Es wurde wieder auf ein richtiges Event gesetzt, die Messe wieder ins Los Angeles-Convention-Center gelegt und ein größerer, wenn auch weiterhin beschränkter, Publikumsverkehr zugelassen. Der Allgemeinheit war sie allerdings weiterhin verwehrt. Trotzdem kehrte die E3 etwas zu altem Glanz zurück und wurde zu einem Medienspektakel. Sony und Microsoft steigen mit PlayStation Move und Kinect ins Motion-Control Business ein, nachdem Nintendos Wii mit ähnlichem Konzept riesigen Erfolg hatte und Fortsetzungen zum Bombenjahr 2007 wurden vorgestellt. Das Konzept ging auf, die Probleme schienen beseitigt und die Fans hatten wieder ihre Woche des Gamings.

Eine neue Generation

2013 kam es erstmals wieder zu größeren Veränderungen in der Industrie, denn eine neue Konsolengeneration war wieder fällig.

Nintendo begann aber zeitgleich auf eine große Pressekonferenz zu verzichten und entschied sich stattdessen für eine Sonderform ihres noch jungen Formats Nintendo Direct, welches seitdem auch im Rahmen der Messe ausgestrahlt wird. Die Fans sollten so direkter angesprochen werden.

Doch nicht nur Nintendo entzog sich dem Medienrummel etwas, auch Sony und Microsoft wählten für die Ankündigung ihrer neuen Konsolengeneration einen ungewöhnlichen Weg – vor der E3 und in eigenen Events. Sicher ein herber Schlag für die Veranstalter damals, warteten doch viele sehnsüchtig auf Neuigkeiten, doch insgesamt nicht überraschend. Im PR-Gewitter der Messe konnte so manche Information schlicht untergehen und durch die Aufteilung war es für die Hersteller sicher einfacher, die gewünschte Botschaft besser zu kontrollieren.

Man merkte dies besonders bei den beiden Hauptkonkurrenten Sony und Microsoft, die ihre E3 Pressekonferenzen nicht nur für neue Spiele nutzten, sondern auch, um einerseits gegen die Konkurrenz zu sticheln, und andererseits um Schadenskontrolle zu betreiben. Microsoft geriet damals unter massive Kritik, als sie bei der Ankündigung der Xbox One eine TV-Offensive vorstellten, und zusammen mit einer Idee des immer-Online-seins den Markt für gebrauchte Spiele anzugreifen schienen, was Fans und Presse so gar nicht gefiel.

Das alles mündete in einem waschechten PR-Desaster, als Sony im Rahmen ihrer Pressekonferenz ein kurzes Video präsentierte, das zeigt, wie man auf der PlayStation Spiele teilt. In den Augen vieler Fans hatte Sony damit die E3 „gewonnen“ und der Makel haftet Microsoft teilweise bis heute an. Der damaligen Xbox verantwortliche Don Mattrick verließ sogar kurz darauf das Unternehmen; ob es einen Zusammenhang gibt, bleibt bis heute Spekulation.

E3-Klassiker

Dieser Moment von Sony steht dabei in einer ganzen Reihe von ikonischen Situationen, die es gerade bei den Pressekonferenzen gab. Zu nennen sind hierbei sicher ebenso Sonys berüchtigte „299“ Konferenz, bei der ersten E3 1995, bei der Sprecher Steve Race nur „two-ninety-nine“ sagte und dann wieder von der Bühne verschwand. Mehr Worte waren als PlayStations Antwort auf den Preis des Sega Saturn nicht notwendig. Oder Konamis Konferenz 2010, die bizarr war, voller schräger Gäste, Live Wrestling, einer Zaubershow, und einem Publikum, das nicht wusste, was da vor sich ging. Ubisofts bunte, aufwendig produzierte Tanzeinlagen zum aktuellen Just Dance gehören mittlerweile zum Standard Repertoire des Publishers. Regie Fils-Amie erreichte durch Nintendos Konferenzen gar Kultstatus bei Fans. Es gibt eine Vielzahl an Momenten, von fast fanatischen Reaktionen auf Ankündigungen, unbeholfenen Präsentatoren, oder technischen Fehlern. Für die Generation der Memes war die E3 jedenfalls seit jeher eine Goldgrube.

Nach dem Konsolenstart von PS4 und Xbox One normalisierte sich der Betrieb der E3 wieder etwas und bis auf, dass auch Electronic Arts 2016 ihre Konferenz in ein eigenes EA Play Event auslagerte, blieben weitere Veränderungen weitgehend aus. EA nannte als einen der Gründe, dass man auch Nicht-Fachbesuchern Zugang zu den Gameplay Demos und Präsentationen geben wollte, dass das Event nun unter der vollen Kontrolle von EA stand war sicher eher der Grund.  Auch Activison zog sich erneut von der E3 zurück, nachdem sie schon 2008 zwischenzeitlich aus der ESA ausgetreten waren.

2018 bedeutet dann den nächsten großen Schritt für die E3, die Öffnung für Konsumenten. Zwar gab es im Vorjahr schon erste Versuche, diese stießen aber auf Kritik. Die E3 verzeichnete daraufhin ihre höchsten Besucherzahlen.

Einen viel heftigerer Schlag für Fans und Veranstalter war aber 2019, als Sony bekanntgab, nicht mehr an der E3 teilzunehmen; das bedeutete keine Pressekonferenzen und Stände. Sony schwenkte auf das Konzept der State of Play um, in dem sie, ganz im Stil der Nintendo Directs, über das Jahr verteilet in Livestreams über Updates zu Spielen oder den Konsolen informieren. Sony hat seitdem auch keine Andeutung gemacht, zur E3 zurückzukehren.

Auch Microsoft distanzierte sich 2019 erneut etwas von der E3. Als sich die Zeichen für eine neue Konsolengeneration immer mehr verdichteten, kündigte der Softwareriese zur E3 lediglich an, dass eine neue Generation unter dem Namen „Project Scarlett“ entwickelt werde, machte aber keine genaueren Angaben zu Spezifikationen, Aussehen oder Preis. Zwar hatte die Xbox Konferenz mit einem Keanu Reaves Auftritt kurzzeitig Social Media dominiert, und sogar die ESA dazu bewegt über ähnliche Auftritte für zukünftige Messen nachzudenken, blieb allerdings bei wichtigen Entwicklungen, wie eben eine neue Konsolengeneration, erneut außen vor. Das Aussehen und Branding wurde erst im Rahmen der Game Awards offiziell vorgestellt, welche sich klar von der ESA und der E3 abgrenzen.

Auch verscherzte man es sich gehörig mit den teilnehmenden Journalisten und Medienpersönlichkeiten. Im August 2019, also kurz nach der E3, war eine Liste auf der ESA Website öffentlich zugänglich, auf der allerhand persönliche Informationen der Betroffenen einsehbar waren. Das stellte natürlich einen gehörigen Vertrauensbruch in den Industrieverband dar und kann gerade für Journalisten im Games-Bereich mehr als nur ein Ärgernis sein, da sie sich auch oft mit Fans konfrontiert sehen können, die nicht vor Todesdrohungen oder sonstigen Belästigungen zurückschrecken, von der Verletzung des Datenschutzes ganz zu schweigen.

Geoff Keighley und Corona.

2020 war gerade für Messen kein leichtes Jahr. Unsicherheiten, Gesundheitsbedenken und zahlreiche Absagen, die sich bis ins aktuelle Jahr ziehen, gefährden die Jobs unzähliger Arbeiter und die gesamte Veranstaltungsbranche. Auch die E3 traf es, und es wurde entschieden sie abzusagen. Das es die beste Idee war, daran sollte kein Zweifel bestehen, machte die Frage nach der Relevanz der E3 nochmal wesentlich brisanter, zumindest im ersten Moment.

Auch die meisten Publisher waren von Unsicherheiten betroffen- Was intern vor sich ging, kann man leider nicht nachvollziehen, aber sicher ist, dass die meisten der Spiele verschoben wurden, einiges bestimmt eingestellt und die Zukunft erstmal ungewiss war. Das zeichnete sich auch in den zahlreichen Livestreams ab, welche die Publisher in ziemlicher Eile auf die Beine stellten, um die Ungewissheit zumindest etwas einzudämmen.

Am prominenteste war da sicher Geoff Keighleys Summer Game Fest, welches sich quasi als Ersatzshow für die E3 positionierte. Keighley ist dabei ein interessanter Fall. Er war zuvor jahrelang für das E3 Coliseums verantwortlich gewesen, einer beliebten Rahmenshow zu den Pressekonferenzen und den sonstigen Veranstaltungen der Messe.

Doch schon Anfang 2020, noch bevor die Pandemie ihre akute Brisanz erreicht hatte, stieg Keighley aus. Er war nicht länger mit den Plänen der ESA einverstanden gewesen und entschied sich, wohl nach dem Erfolg der seit 2014 ebenfalls von ihm organisierten Game Awards, für eine eigene Show. Das war insofern unvorhergesehen, als das Keighley auch abseits des Coliseums die E3 seit 25 Jahren besuchte und medial begleitete. Er war und ist gerade auf US-Seite eine prominente Figur im Spielejournalismus, daher ist sein so öffentlicher Bruch mit der E3 beachtenswert. Genaue Gründe wurden nicht genannt, außer dass er „die Industrie auf anderen Wegen unterstützen wolle.“

Doch diese Haltung Keighleys kommt nicht von ungefähr. Bereits seit über 10 Jahren war er auch mit einer Preisverleihung für Videospiele beschäftigt. Zuerst als Spike Video Game Awards bekannt, trennte er 2013 sich aufgrund der kommerziellen Ausrichtung von Spike TV und startete 2014 die Game Awards. Jährlich im Dezember verliehen ist die gänzlich unabhängige Show als ein Höhepunkt für die Industrie gedacht und lockt dabei auch Millionen Zuschauer vor den Livestream; 2020 waren es 83 Millionen.   Als beachtenswertes Ereignis kann genannt werden, dass die Eröffnungsrede 2018 von Xbox-Chef Phil Spencer, Nintendo of America-Chef Reggie Fils-Aimé und PlayStation-Chef Shawn Layden gemeinsam gehalten wurde.

The Game Awards Momente

Das Event kommt allerdings auch nicht ohne seine Eigenheiten aus. Als unabhängiges Unternehmen sind die Game Awards von Sponsoren abhängig. So stolzierte ein Schlick (Gilette – der Rasierer Hersteller bei uns) Roboter durch die Reihen der Zuschauer und manche der prominenten Gäste wirken deplatziert. Vielleicht ist ein Vin Diesel ein großer Fan von Videospielen, aber wenn er mit Michelle Rodríguez das Spiel des Jahres präsentiert, während sie zeitgleich auch ein Spiel zum neuesten Fast & Furious vorstellen, wirkt die Veranstaltung oft auch albern. Eine „Fuck the Oscars“-Tirade des Spieleentwicklers Josef Fares wurde gar berühmt-berüchtigt.

Angesichts der sonst scharfen Konkurrenz der drei Firmen ein starkes Zeichen der Industrie. Keighleys Traum eines neutralen Bodens, einer dem Oscar ähnlichen Veranstaltung, an der Spiele zelebriert werden sollen, scheint also aufzugehen. Momente der Spitzzüngigkeit, wie man sie noch bei der E3 finden konnte, waren hier fehl am Platz.

Ein ähnliches Konzept verfolgte er auch mit dem Summer Game Fest-ein Tisch, an dem jeder einen Platz haben konnte. Viele namhafte Publisher, wie EA, Ubisoft, Xbox und sogar Sony nahmen daran Teil und ließen ihre Shows teilweise unter dem Banner laufen. Über 4 Monate, von Mai bis August, waren die Livestreams angesetzt und immer wieder tröpfelten so Informationen ans Publikum, aber es war bedeutend ruhiger, als die Jahre zuvor. Richtige Highlights kann man auch im Nachhinein nicht ausmachen, was zum einen sicher an der Pandemie lag, zum anderen auch am anstehenden Generationenwechsel, über den zu dem Zeitpunkt noch oft der Mantel des Schweigens lag. Die Publisher konnten oder durften schlicht noch nicht viel sagen, denn Neuentwicklungen waren entweder noch Jahre entfernt oder man war abhängig davon, wie sich der Start der neuen Konsolen entwickeln würde.

Das ganze „Fest“ gipfelte schließlich in der Opening Night Live zur gamescom, einer ebenfalls von Keighley präsentierten Show, zu der ebenfalls alle Publisher eingeladen waren und die rein digitale gamescom einläuten sollte – im Nachhinein eine Vorschau darauf, was 2021 folgen sollte.

(Zur gamescom selber werde ich nochmals an anderer Stelle kommen.)

Im Ergebnis war 2020 ein sehr durchwachsenes Jahr. Die Publisher zeigten nicht viel und das Wenige wurde über viele Wochen und Monate verteilt, sodass sich nie der Hype einstellte, wie es sonst in der dicht gepackten Woche im Juni der Fall ist. Die neue Konsolengeneration, die im November mit dem Release von PS5 und Xbox Series X | S begann, konnte dadurch nicht mit voller Wucht starten, auch dank großer Produktionsknappheit durch die weiterhin anhaltende Pandemie. Sie verkauften sich sehr gut, aber  exklusive Spiele waren, bis auf einige Startitel, Mangelware.

Als das Spielejahr 2020 dann schließlich mit den Game Awards seinen Abschluss fand, kann man das Resumee ziehen, dass niemand von der Pandemie unberührt bliebt und auch die gerade in dieser Zeit wachsende Industrie vor monumentalen Veränderungen stand, die noch Jahre nachhallen werden.

Ausblick

2021 wurde also der Versuch gestartet wieder etwas in die Normalität zurückzufinden. Das überhaupt eine E3 abgehalten werden sollte, ist angesichts des vergangenen Jahres, sicher auch als Zeichen der Zuversicht zu verstehen. Aus persönlicher Sicht ist der ESA das aber nur bedingt geglückt.

Aus Konsumentensicht ist es wesentlich angenehmer die Ganze Infos innerhalb einer Woche zu bekommen, statt eine Vielzahl einzelner Termine auf dem Schirm haben zu müssen, um den Events beiwohnen zu können. Dabei geht es nicht einmal um die Infos an sich, die Laufen einem ja nicht davon und es ist auch nicht wirklich nötig alles live sehen zu müssen. Aber über Sinn und Unsinn zu debattieren ist aus Fan-Sicht vergebene Liebesmüh. Das Gefühl dabei gewesen zu sein ist das, was sicher viele aus diesen Veranstaltungen ziehen – auch ich. Darum bedeutet für Viele so ein Event auch etwas, auch wenn es rational gesehen wenig Nutzen hat.

Deswegen ist schade, dass die E3 auch nach einem Jahr Planung, wie man dieses Event aufziehen könnte, nicht mehr daraus gemacht hat. Es ist bezeichnend, dass gerade Geoff Keighley mit seinem Kick Off! Livestream zum Summer Game Fest 2021 deutlich mehr medialen Buzz erzeugen konnte, als viele der E3 Veranstaltungen. Die Neuauflage des Summer Game Fest ist dabei wieder kein Teil der E3, und natürlich ganz bewusst einen Tag vor der Messe platziert worden. Das er den lang ersehnten Trailer zu Elden Ring präsentieren konnte ist, ungeachtet der ganzen Memes, ein deutliches Zeichen dafür, wie wichtig die alternativen Veranstaltungen geworden sind.

Lediglich Xbox kehrte mit neuem Elan zurück, hat eine Menge Updates und neue Spiele vorgestellt und gezeigt, dass Microsoft mit Xbox noch viel vorhat; doch ob für dieses Zeichen die E3 nötig war, ist fraglich.

Es zeigt sich auch mehr und mehr, dass die Spielehersteller ganz bewusst einen eigenen Weg gehen und sich auch gar nicht die Mühe machen, dass zu verstecken. Ein Bandai Namco zeigt Elden Ring bei der Konkurrenz, aber bei der E3 so gut wie nichts aus dem Rest des Portfolios, ein Square-Enix eine reine Trailerkaskade ohne wirkliche Show, Take-Two Interactive zeigt gar keine Spiele, sondern Hält einen Talk über Diversität, wichtig, aber irgendwie auch unpassend und Gearbox mutiert endgültig zur Randy-Pitchford Selbstdarstellung. Das Nintendo der Messe treu bleibt, kann man nur noch durch Gewohnheit erklären, brauchen würden sie es vermutlich nicht. ElectronicArts distanzierte sich noch weiter vom Geschehen und legen ihre Show gleich in den nächsten Monat, wenn der ganze Trubel also längst vorbei ist. Die erste digitale E3 wirkte wie eine Gruppenarbeit, auf die eigentlich keiner Lust hatte. Die Halbherzigkeit war da fast schon garantiert.

Für mich ist jedenfalls klar, dass die E3 und die ESA ihren Zenit weit überschritten haben. Vielleicht verhält es sich ähnlich, wie bei den Altersklassifikation, für die sie einst gegründet wurden, damals ein wichtiges Zeichen um die Bedenken gegen das neue Medium zu beschwichtigen, heute dient es allerhöchstens dazu, um Fans eine Ahnung über unangekündigte Releaszeiträume zu geben – eine wirkliche Rolle bei der Wahrnehmung von Spielen haben sie nicht mehr. Wenn sogar die deutsche USK mittlerweile ihre verstaubten Ansichten abgelegt hat, ist klar, dass ein Umbruch stattgefunden hat.

Auch der digitale Wandel ist nicht zu unterschätzen. Spiele werden heute vorwiegend digital gekauft und schon alleine deswegen haben Altersfreigaben und Deals mit Einzelhandelsketten eine vermutlich vernachlässigbare Rolle eingenommen. Die ESA konnte sich mit der E3 nie in dieser Welt zurechtfinden, während ein Geoff Keighley und die Publisher selbst schnell erkannt haben, dass die Fans online direkt ansprechen der Weg der Zukunft sein dürfte.

Die Zeit einer Veranstaltung von der Industrie für die Industrie scheint, zumindest in diesem Fall, abgelaufen. Eine gamescom hat einen anderen Fokus, nämlich Spiele- und Publikumsmesse, eine Games Developer Conference nimmt sich der Entwickler an, und die Game Awards zelebrieren die Industrie auf ihre eigene Weise. Klar kann ich als Außenstehender den Faktor des Netzwerkens nicht beurteilen, aber für all jene, die die Industrie beobachten, hat die E3 schon längst ihre Relevanz und ihren Glanz eingebüßt. Und wenn sich die ESA dazu entschließt, noch mehr auf Publikumsverkehr zu setzen, wird es im Kampf mit der gamescom schnell eng – und ich glaube nicht, dass die E3 gewinnen kann.


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