Die wundersame Welt der Gamescom

Es war gamescom. Ja, wirklich. Die weltweit größte Spielemesse hat diese Woche stattgefunden. Nur so wirklich mitbekommen hat man nichts davon.

Inhaltsleer, so würde mein Resümee der mittlerweile zweiten digitalen gamescom lauten. Da kann auch keine erneute Auflage der Opening Night Live helfen. Geoff Keighleys Mission, die Zelebrierung von Games in den Vordergrund zu rücken, scheitert an mühsamen Gameplay Präsentationen des neuen Call of Duty, einer Ankündigung eines neuen Saints Row, die wohl so manchen Fan vor den Kopf gestoßen hat, einem Halo Infinite Release Date, das so anämisch präsentiert wurde, dass niemand so recht daran glauben kann und dem zwanghaften Versuch Live Charakter zu verkörpern, indem man Lindsey Stirling einen vermeintlichen Hit aus einem Spiel aufführen lässt, dass noch nicht mal erschienen ist.

Gespickt war das mit fragwürdigen Awards, die man in selbstbeweihräuchernder Manier, in zwanghaften Zwischensegmenten verliehen hat.

In Kategorien, wie bestes PlayStation Spiel, hat dann z.B. Elden Ring gewonnen, ein Multiplattform Spiel, dessen Werbedeals eigentlich bisher unter Xbox liefen. Das praktisch keines der Spiele bereits erschienen ist, hat die „internationale Fachjury“, die hauptsächlich aus publikumswirksamen Köpfen aus der Medienbranche besteht, scheinbar nicht davon abgehalten, wertende Meinungen abzugeben. Das auch so Aspekte wie Gameplay oder Spielspaß in die Bewertungen eingeflossen sein sollen, wage ich daher stark zu bezweifeln.

Warum man dann so Werbung machen muss, hinterlässt nur Fragezeichen und macht die Verbandelung zwischen Spielepresse und Spieleentwicklern nur noch mehr hinterfragenswert. Achja die Teilnahme kostet Geld: ein paar hundert Euro, für ein bisschen PR – stellt für mich die Awards sehr in Frage.

Sinnlose Preise, die sich Entwickler dann als Laureaten in ihre Releasetrailer packen können, ohne einen Funken Mehrwert für den Konsumenten. Und nein, direkt gekauft hat man sich die Platzierung sicher nicht, aber bei drei Teilnehmern pro Kategorie kann man sich den Gewinner dieses Popularitätwettbewerbs schon im Voraus ausmalen.

PokeV? Dokemon?

Und ja, es gab sie trotzdem, die paar „Highlights“.

DokeV hat sich in seiner absurden Südkorea Optik schnell als Publikumsliebling etabliert. Das Singleplayer Spiel der Black Desert Macher, dass eine merkwürde Vermischung aus Pokemon und Open World-Albernheiten zu sein scheint, liefert zumindest spektakuläre Bilder, auch wenn für mich das Charakter Design zwischen gruselig und angsteinflößend schwankt. Abgesehen von einer von technischer Seite gesehenen katastrophalen Performance, bringt das Spiel zumindest Kreativität mit, die ich mir häufiger Wünschen würde.

Auch Park Beyond dürfte den geneigten Simulator Enthusiasten zumindest aufhorchen lassen, wirkt es doch deutlich freizügiger, als momentaner Genrekönig Planet Coaster. Das Spiel vom deutschen Entwickler Limbic Entertainment macht zumindest schonmal Lust auf mehr.

Cult of the Lamb machte gerade für ein Indiespiel den positivsten ersten Eindruck der Messe. Als kleines Lamm sich Roguelike mäßig durch Dungeons schnetzeln, während man zeitgleich einen eigenen Kult aufbaut, sorgte nicht nur dank der bezaubernden Optik für Begeisterung.

Der Rest versteckte sich oft hinter bunten oder lauten CGI-Trailern, sind also wenig relevant für die Diskussion über die Inhalte der Messe. Weder erlauben sie einen Eindruck vom Spiel oder liefern auch nur irgendwelche gehaltvollen Informationen, und sollten daher auch nicht weiter besprochen werden.

Der Rest vom Fest

Etwas, das man aber im Zuge der digitalen Messen sicher als beachtenswert erwähnen muss, ist die Indie Arena Booth. Als interaktive Umgebung, die direkt im Browser gespielt werden kann, darf man als Besucher die virtuellen Stände besuchen und sich die aktuellen Entwicklungen im Indie Bereich zu Gemüte führen. Die sehr aufwändig gestaltete Messeumgebung hat zwar oft Probleme mit der visuellen Klarheit, sodass man nicht immer so recht weiß, was jetzt genau Stand oder bloß Deko ist, bringt aber den Messecharakter sicher deutlich besser rüber, als es der Rest der Gamescom in beiden digitalen Events je geschafft hat.

Die deutsche Spielepresselandschaft bemühte sich wiederum um ein ausführliches Begleitprogramm. Aufwendige Streams, die irgendwie Game- und Talkshow miteinander vereinigen, liefen allerdings nur nebenbei. Um Spiele(neuigkeiten) konnte es ja angesichts der inhaltsleere der Messe nicht wirklich gehen.  Klar, wenn man auf den Unterhaltungsstil der Internetpersönlichkeiten steht, bot das sicher einen Mehrwert für Fans, ist aber für mich, der sich dafür nur bedingt interessiert, ganz schön egal und auch im Kontext der Messe irrelevant.

Einen Vorteil hatten insgesamt sicher die Indie Titel, die defintiv nicht um die Aufmerksamkeit gegen große AAA-Produktionen buhlen mussten. Gleichzeitig schaltet auch niemand nur wegen ihnen auf die Sendungen, die sie behandeln. Das Fahrtwasser für die kleinen Titel hat einfach gefehlt.

Hinter verschlossenen Türen

Sonst gab es im Rahmen der gamescom noch einen tieferen Einblick zu Elden Ring. Allerdings nur für Presse und Influencer. Diese durften eine 16-minütige Gameplay Präsentation sehen, die dann dem interessierten Leser und Zuschauer aufgedröselt serviert wurde.

Selber einen Eindruck gewinnen konnte man aber nicht, denn erneut wie schon bei Cyberpunk 2077 sieht sich der Publisher nicht dazu verpflichtet, jenes Material auch der breiten Masse zur Verfügung zu stellen. Was man stattdessen lesen darf sind Eindrücke aus zweiter Hand, die sich oft wie verkappte Werbetexte lesen.

Closed-Door Demos sehe ich schon länger äußerst kritisch, und nicht nur, weil man sich als Fan hintergangen fühlen kann. Viel mehr geht es mir um die implizierten Abhängigkeiten, die hier wieder aufgespannt werden. Wer die Demo sehen darf, entscheidet natürlich der Publisher, der sicher auch darauf schaut, dass sie durch die Auswahl möglichst viel positive PR-Resonanz bekommen. Warum ist ein Schreiber der Spielepresse besser dazu geeignet die Eindrücke zu vermitteln, oder warum muss man sich die Ausführungen eines Superfans anhören, wenn man Neues über das Spiel erfahren will?

Zeigt das Gameplay und führt Interviews! So bekommt man das Gehör der Fangemeinde. Die Eindrücke können letztlich nie so geschildert werden, dass man einen genauen Einblick bekommt.

Und wie schon bei der Lobhudelei der Cyberpunk Berichterstattung, kann es sich der Publisher natürlich sehr leicht machen, negativen Stimmen zu entgehen. Falls das Gameplay nach ein paar Wochen doch noch veröffentlich werden sollte, fragt man sich dann, was der ganze Zinnober eigentlich sollte. Hype hat das Spiel bei Fans sicher nicht mehr nötig.

Eine schwache Leistung angesichts der schon mühsamen PR-Kampagne um Elden Ring, die bisher vor allem durch lange Wartezeiten geglänzt hat. Auch das der elendige Diskurs um den Schwierigkeitsgrad von From Software wieder sein hässliches Haupt erhebt, macht die Berichterstattung besonders eins – mühsam.

Dunkle Zukunft

Am Ende bleibt eigentlich nicht viel. Wie schon die E3 fährt die gamescom mit ihrem Programm eher gegen die Wand, als erfolgreich ein digitales Konzept zu etablieren.

Sicher hängt das auch mit den Entwicklern zusammen, die sich auch nach fast zwei Jahren Pandemie, offenbar nicht in der Lage sehen, mehr Informationen zu ihren Spielen preiszugeben. Wo war ein Battlefield, wo das neue Harry Potter Spiel, Halo zeigt nichts von seiner Kampagne und Horizon: Forbidden West wurde ins nächste Jahr geschoben, ohne Fanfare. Ich weiß echt nicht mehr, worauf die Entwickler und Publisher warten.

Eine E3 und Gamescom ist erst wieder in knapp einem Jahr, die Tokio Game Show war noch nie für spektakuläre Reveals bekannt und die Game Awards liegen mitten im Weihnachtsgeschäft; nicht attraktiv für neue Produktankündigungen.

Sicher standen und stehen Entwickler vor massiven Herausforderungen durch die Pandemie, aber es ist ja nicht so, als gäbe es keine Spiele, die man zeigen könnte. God of War fehlt seit dem Teaser komplett, wurde aber 2020 für dieses Jahr angekündigt. Trotz Verschiebung auf 2022 kann ich mir nicht vorstellen, dass es nichts zu zeigen gibt. Auch ein Elex 2 glänzt auf heimischem Boden nur durch Abwesenheit.

Auch das Argument, dass Xbox und PlayStation nicht mehr nur auf E3 und Gamescom setzten, sondern auch ihre eigenen Shows aufziehen, fällt zusehends. Xbox zeigt weder bei der E3 noch jetzt zur gamescom irgendwas Relevantes. Kein Avowed, kein Fable, kein Halo Single Player, Hellblade steckt wohl noch in den Kinderschuhen und Starfield hat zumindest ein Releasedatum, mehr weiß man aber auch nicht. Neue Sachen und eigene Shows? Fehlanzeige! Die eingekauften Studios produzieren zum Teil auch nach Jahren scheinbar nichts, was man zeigen kann.

Sony hält sich ebenso bedeckt, dass man den Kauf der PlayStation 5 getrost noch ins nächste oder gar übernächste Jahr verschieben kann, Spiele kommen ja offenbar keine. Natürlich kommt was, aber man hat nicht mal eine Idee woran die meisten der hauseigenen Studios gerade werkeln.

Die Industrie gibt in Summe keine wirklichen Ausblicke auf die Zukunft. Abseits von ein paar Spielen wie Elden Ring oder Horizon: Forbidden West, die Anfang des nächsten Jahres erscheinen, ist es sehr still geworden.  Sicher betrifft das besonders die AAA Spiele, aber diese setzten ja oft den Trend oder verstärken Trends und bis jetzt liegt jenseits von 2021 ein dunkler Vorhang.

Das Ende?!

Ob die Strategie aufgeht, solange mit den Spielen hinter der Hand zu halten, bis die Pandemie irgendwann vorbei ist, (Tipp: Lasst euch impfen!) kann wohl keiner beantworten. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass die dauernde Funkstille soviel Mehrwert bietet. Bestimmt läuft die Hype-maschinerie wieder ganz von selbst, wenn dann wirklich mal Infos zu den Spielen herauskommen, allerdings nur bei den Fans, die sich auch nach langen Durststrecken über jedes Tröpfchen freuen. Bei dem größeren Publikum da draußen, die nicht jede Gaming News verfolgen, kann allerdings der Eindruck entstehen, dass da nicht mehr viel kommt. Xbox und Playstation positionieren sich im Moment nicht sehr stark und setzten kaum Akzente für die neue Generation, die ja doch schon fast ein Jahr alt ist.

Ein schwacher Spielesommer, wie schon der letzte, und auch keine Perspektiven, wie es eigentlich weiter gehen soll. Die Hoffnung, dass der Messebetrieb im nächsten Jahr wieder den alten Mustern folgen kann, sehe ich deutliche negativer. Nicht nur wegen Corona, sondern weil sie eigentlich keinen echten Gewinn darstellen. Wenn die Entwickler und Publisher es bis jetzt immer noch nicht für nötig erachten, mehr Medienresonanz zu erzeugen, sehe ich nicht, wie sich das fürs nächste Jahr ändern soll. Meinem laienhaften Eindruck nach zu urteilen, scheint es sich für sie ja nicht zu lohnen, auf den Zug der ganzen Messen aufzuspringen. Hier und da ein paar Trailer, da mal ein Blogpost und Screenshots, und fertig ist die (post-)pandemische Medienkampagne.

Das auch die Spielepresse zu diesem Thema sehr ruhig ist spricht Bände. Sowohl E3 als auch gamsecom waren zwei Jahre in Folge eigentlich ein Totalausfall, aber kritisch auseinandersetzen tut sich damit kaum jemand. Eine der Lebensgrundlagen der Fachpresse sieht sich bereits seit Jahren mit einer Sinnkrise konfrontiert, die jetzt explizit wird und auf die bisher keiner eine Antwort zu haben scheint. Außer den Publishern natürlich, die sie einfach ignorieren.

Wenn dieser Trend anhält, bleibt von Messen nicht mehr viel übrig. Ob das schlecht ist, lässt sich wohl nur Retrospektiv beantworten.

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